Lesen und Schreiben auf dem
Palermostein
von
Thomas Schrader
Zugegeben, für einen altägyptischen Priester
wäre das Wort „Chaos“ im Zusammenhang mit den
königlichen Annalen (hier der
Palermostein
und seine Fragmente)
einfach undenkbar, stehen doch die Könige an der Spitze der Gesellschaft als Garanten
für die Aufrechterhaltung der Maat, des göttlichen Ordnungs- und
Gerechtigkeitsprinzips, und damit für die Abwehr bzw. Überwindung von Chaos,
Anarchie und Willkür. Der modernen Wissenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts
steht aber mit der Chaos-Theorie [1] ein Werkzeug zur Verfügung, dass sich
schon seit über 30 Jahren nicht nur in den klassischen Bereichen der
Naturwissenschaften, wie z.B. Physik und Mathematik, sondern auch in vielen
humanwissenschaftlichen Zweigen bewährt hat.
Immer wenn sich Fragestellungen auf scheinbar chaotische - d.h. nicht geordnete
- Systeme beziehen, sind besondere Mittel und Verfahren vonnöten, um die hinter
dem Chaos versteckten Ordnungsprinzipien zu erkennen. Die Oberfläche des
Palermosteines macht auf den ersten Blick einen sehr "ordentlichen" Eindruck,
erwies sich dann aber im Detail eher als scheinbar chaotisch konstruiert und
widerstand hartnäckig zahlreichen Versuchen zu einer befriedigenden
Rekonstruktion. Deshalb soll mit Hilfe der Konzepte und Methoden der Chaostheorie versucht werden, einen
weiterführenden Beitrag zur Rekonstruktion des Palermosteines (Annalensteines der V. Dynastie) zu
leisten.
Nach der grundlegenden
Bearbeitung des Palermosteines durch Schäfer
[2] 1902
unternahmen
Sethe
[3]
1903 und
Meyer
[4] 1904 erste Versuche zur Rekonstruktion
der originalen Gesamtplatte der Annalen, sahen sie doch die große Bedeutung
dieser bislang ältesten Aufzeichnung von Regierungszeiten ägyptischer Könige (I.
bis ca. Mitte der V. Dynastie) für die Chronologie und Geschichte des Alten
Ägypten. Ein Ende der Diskussion ist auch heute nach 100 Jahren Forschung nicht
abzusehen.
Unabhängigen Bemühungen auf dem Gebiet der mathematischen Strukturen gelang noch
kein Durchbruch und so verwundert es insgesamt nicht, dass alle bisherigen
Rekonstruktionsversuche der Originalbreite der Gesamtplatte einen relativ großen
Bereich von
ca. 1,8-2,5m umfassen. Einen Überblick über alle Fragmente des Annalensteines
der V. Dynastie und deren Bearbeitung in über einhundert Jahren
Forschungsgeschichte gibt Wilkinson
[5] .
Der Annalenstein hat unzweifelhaft nicht nur
zwei Seiten auf seiner Oberfläche, sondern trägt zwei teils unabhängige, aber
sich auch bedingende Wesensmerkmale in sich – ein historisches und ein
mathematisch-rekonstruktionstechnisches. Und dieses Letztere zieht natürlich die
Aufmerksamkeit eines Naturwissenschaftlers besonders auf sich. Bei der
Literaturrecherche zeigt sich, dass gerade das auffällige geometrische Muster
der Vorderseite des Palermosteines den Fokus der frühen
Untersuchungen bildete. Die Bemühungen zur Rekonstruktion der Gesamtbreite des
originalen Annalensteines waren anfangs primär durch geometrische Abschätzungen geprägt
(Sethe, Meyer; Giustolisi [4a]
wendet sich 1968 noch einmal diesem Verfahren zu), danach bildete die Ausnutzung der sog.
Vernier-Relation [6] den
Methodenschwerpunkt. So
war man bemüht "Eck-zu-Eck"-Lösungen zu finden, in denen die verschieden großen
Jahrfelder der einzelnen Reihen jeweils ganzzahlig enthalten sind. Während Petrie 1916
[7]
seinen Versuch aus Gründen der zu großen Schwankungen der Breite der Jahrfelder
innerhalb einer Reihe auf der Hälfte des Weges aufgab, legte
Borchardt 1917
[8]
den wohl ausführlichsten Rekonstruktionsversuch dieser Schule vor. Er wurde aber
in gleichem Maße von Meyer [9]
als historisch völlig unbegründet und unglaubwürdig zurückgewiesen. Allen diesen Arbeiten lag eine
relativ unkritische Benutzung der späteren
Königslisten (Turin, Manetho)
zugrunde.
Ab Mitte der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts
zeichnete sich mit der Publikation von Helck
[10]
eine gänzlich neue Art des Herangehens ab. Nachdem die genauen Vermessungen von
Breasted
[11]
jegliche exakte geometrische Rekonstruktion scheinbar in das Reich der Illusionen verbannte,
rückte die kritisch-konstruktive Anwendung der Turiner
Königsliste und der dynastischen Chronologie Manetho`s in den Mittelpunkt. In
diese Gruppe der fundiertesten chronologischen Untersuchungen zum Annalenstein
gehören auch die Arbeiten von Kaiser
[12], Barta
[13]
und
v. Beckerath
[14]. Diese Rekonstruktionen differieren
in der Jahresgesamtsumme nur um maximal 30 Jahre, die Gesamtbreite variiert von
1,7 bis 1,9 m. Sicher erscheint eine Differenz von drei Jahrzehnten bei einem
Abstand von fünf Jahrtausenden fast unbedeutend, aber ist es nicht so, dass ein
taggenauer Kalender – und um einen solchen handelt es sich beim altägyptischen
Wandeljahr – auch letztendlich ein taggenaues Rekonstruktionsergebnis anstreben
lässt? Ebenso wird in diesen Arbeiten eine eventuelle rationale Struktur der
Jahresfelderverteilung ignoriert oder abgelehnt.
Ein wesentlicher Vorteil mathematischer Methoden läge auf der Hand:
Sie würden innerhalb der historischen Forschung eine von den unsicheren
Königslisten unabhängige Komponente darstellen und
könnten sogar in einer Rückkopplung zur besseren Bewertung dieser Listen
beitragen.
Diese Überlegungen ließen O’Mara
[15]
noch einmal die Untersuchungen in Richtung rationaler geometrischer Verteilungen
zwischen den Jahresreihen aufnehmen. In über zwei Jahrzehnten
Arbeit an diesem Thema war ihm aber kein Erfolg beschieden, da seine historischen
Schlussfolgerungen von der modernen Forschung abgelehnt wurden und in Folge auch
die wichtigen strukturellen Überlegungen wenig Berücksichtigung, Korrektur und
Fortsetzung fanden.
Im Jahre 2000 legte, wie schon oben erwähnt, erstmalig nach rund einhundert
Jahren Forschung an den Fragmenten des Annalensteines der V. Dynastie Wilkinson
[16] eine zusammenfassende Arbeit über
den Palermostein und die anderen Fragmente vor. Neben einem Überblick
der zurückliegenden Rekonstruktionsversuche gibt er vor allen Dingen die
komplette Umschreibung und Übersetzung der einzelnen Felder aller Fragmente. Von
den Oberflächen der Bruchstücke präsentiert er Zeichnungen, die allerdings ohne
Maßstab ausgegeben werden. Auch eine moderne Vermessung aller Artefakte sowie
gute fotografische Abbildungen hätte man erwartet. Seine eigenen
Schlussfolgerungen bezüglich der chronologischen Verwertbarkeit der
Annalenfragmente sind eher vorsichtig über pessimistisch-zurückhaltend bis
verneinend, und damit einem Trend folgend, der sich in den letzten Jahrzehnten
immer mehr abzuzeichnen begann.
Ich möchte mit diesem Artikel dem Grundsatz gerecht werden, dass nur gemeinsame
ganzheitliche Anstrengungen der historischen und
mathematisch-naturwissenschaftlichen Gebiete zu einem
weiteren Fortkommen in der Forschung führen werden.
| Copyright © 2004-2005 Thomas Schrader, Stahnsdorf. Alle Rechte vorbehalten. |
[1] Briggs/Peat (2000) Chaos, München: Knaur
[2]
H.
Schäfer (1902) Ein
Bruchstück
Altägyptischer Annalen, Berlin: Abhandlg. der Königl. Akademie d.
Wiss.; unter wesentlicher Mitarbeit von K. Sethe und L. Borchardt, S.4 Anm.1;
Die erste Publikation schrieb A. Pellegrini
(1895) Nota sopra un inscrizione egizia del Museo di Palermo,
Archivio Storico Siciliano 20, S. 297-316
[3] K. Sethe (1903) Beiträge zur ältesten Geschichte Ägyptens, Leipzig: J.C. Hinrichs. Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde Ägyptens 3, S. 42-59
[4]
E. Meyer
(1904)
Ägyptische Chronologie, Berlin: Verlag der Königl. Akademie d. Wiss., S.
181-204
[4a]
V. Giustolisi
(1968) La 'Pietra
di Palermo' e la cronologica dell' Antico Regno , Sicilia Archeologica
1,5; S. 38-55
[5] T. A. H. Wilkinson (2000) Royal Annals of Ancient Egypt, London: Kegan Paul International
[6] Nach Pierre Vernier (1584-1638)
[7] W.F. Petrie (1916) New portions of the annals, Ancient Egypt S. 114-20; "Were the equality of the divisions more accurate, we might discover the opposite end of the monument, by the unison of the scales; but the irregularities prevent accurate conclusions at such a distance.", S.116
[8] L. Borchardt (1917) Die Annalen und die zeitliche Festlegung des Alten Reiches der ägyptischen Geschichte, Berlin: von Behrend
[9] E. Meyer (1931) Geschichte des Altertums, Nachtrag zu Bd. I, S. 40-56, Berlin
[10] W. Helck (1956) Untersuchungen zu Manetho und den ägyptischen Königslisten. Untersuchungen zur Geschichte und Altertumskunde 18, Berlin ; ders. (1974) in MDAIK. 30, S. 31-5 ; ders. (1987) Untersuchungen zur Thinitenzeit, ÄA 45, S.122-6
[11] J.H. Breasted (1930) The Predynastic Union of Egypt, BIFAO 30, S. 709-24
[12] W. Kaiser (1961) Einige Bemerkungen zur ägyptischen Frühzeit II, ZÄS 86 S. 39-61
[13] W. Barta (1981) Chronologie der 1. bis 5. Dynastie, ZÄS 108, S. 11-23
[14] J. v. Beckerath (1997) Chronologie des pharaonischen Ägypten, MÄS 46
[15] P. F. O`Mara (1979) The Palermo Stone and the Archaic kings of Egypt, La Canada: Paulette; ders. (1986) DE 6, S.33-45; ders. (1987) DE 7, S.37-49
[16] T. A. H. Wilkinson (2000) Royal Annals of Ancient Egypt, London: Kegan Paul International